Historische Hintergründe zur Produktion und Wissenswertes über den Autor

Der Autor Jaroslav Rudiš
wurde 1972 im böhmischen Tumov im heutigen Tschechien geboren. Nach seinem Studium der Germanistik, Geschichte und Journalistik in Prag und Zürich verschlug ihn ein Journalisten-Stipendium nach Berlin. Dort entstand 2002 sein Erstlingsroman »Der Himmel unter Berlin«. 2006 erschien sein zweiter Roman »Grandhotel«, der in einer Grenzstadt zwischen Tschechien, Polen und Deutschland spielt; parallel kam die Verfilmung des Stoffs in die tschechischen Kinos – Rudiš selbst wirkte in einer Nebenrolle  mit. Der Film schaffte es im gleichen Jahr auf die Berlinale. 2007 folgte Rudiš dritter Roman mit dem Titel »Die Stille«.
Schon in diesen ersten Romanen kristallisiert sich das zentrale Thema von Jaruslaw Rudiš heraus: Die Geschichte Mitteleuropas und die Geister der Vergangenheit. Auch in seinem Roman »Vom Ende des Punks in Helsinki«, 2014 auf Deutsch erschienen, führt die Reise des 40-jährigen Ole nach der Schließung seiner Kneipe namens Helsinki an den dunkelsten Punkt seiner Vergangenheit, wo er 1987, gerade 17 Jahre alt, mit seiner 16-Jährigen Freundin über die grüne Grenze in den Westen fliehen wollte – Nancy war dabei ums Leben gekommen.
Neben seiner Arbeit als Romanschriftsteller arbeitet Rudiš auch als Kulturredakteur für eine Prager Tageszeitung, schreibt Hörspiele, Theaterstücke, Kinodrehbücher, Essays und macht Filme. Als Publizist arbeitet er regelmäßig für internationale Medien, u.a. für die F.A.Z., Die Welt, Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur, WDR, den Tschechischen Rundfunk und die BBC.
Einige Popularität erlangte Rudiš 2008 durch seine Comicfigur Alois Nebel, die er gemeinsam mit dem tschechischen Rocksänger und Zeichner Jaromír 99 entworfen hatte. Neben wöchentlichen Alois-Nebel-Comicstrips liegt mittlerweile ein kompletter Comicband und ein Film vor, der 2011 auf dem Filmfestival Venedig lief und 2012 den Europäischen Filmpreis in der Kategorie Bester Animationsfilm erhielt.
Mit Jaromír 99 ist Jaroslav Rudiš auch musikalisch verbunden. Sie gründeten gemeinsam die Band The Bombers und machten 2014 als Kafka-Band mit dem Szenischen Konzert von »Das Schloss« Furore.

 

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Die samtene Revolution
Die »Samtene« (weil weitgehend gewaltfreie) Revolution markiert Ende 1989 den politischen Systemwechsel der Tschechoslowakei vom Realsozialismus zur Demokratie:
Am 17. November versammeln sich über 20.000 Studenten vor der medizinischen Fakultät in Prag. Es ist eine angemeldete Demonstration für Jan Opletal, der von den Nationalsozialisten 1939 nach deren Einmarsch in die Tschechoslowakei ermordet wurde. Der Protest richtet sich aber auch dezidiert gegen Zensur, Misswirtschaft, Umweltzerstörung und die Regierung. Als die Studierenden ihren Marsch zum Wenzelsplatz, ins Zentrum Prags fortsetzen wollen, knüppelt die Polizei die Demonstration brutal nieder. Schnell verbreitet sich die Nachricht, ein Student sei zu Tode gekommen. Sie ist falsch – doch die Bevölkerung ist mobilisiert. Tag für Tag versammeln sich jetzt Menschen auf den großen Plätzen in Prag, Bratislava und der ganzen Republik.
Am 24. November fordern Václav Havel und Alexander Dubcek den Rücktritt des Politbüros der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Am 26. November beginnen Verhandlungen zwischen dem Bürgerforum der Regierung. Am 5. Dezember wird der Stacheldraht an der Grenze zu Österreich entfernt, ab 11. Dezember werden die Grenzbefestigungen zur Bundesrepublik Deutschland abgetragen, Staatspräsident Gustáv Husák reicht seinen Rücktritt ein, Alexander Dubcek wird zum Parlamentsvorsitzenden gewählt, Václav Havel zum neuen Staatspräsidenten. Bei den Wahlen Mitte 1990 gewinnt das Bürgerforum. Bald jedoch tritt im Land Ernüchterung ein. Viele fühlen sich abgehängt vom kompromisslosen Kurs der Wirtschaftsreformen. nach Anette Kraus: Die samtene Revolution, Deutschlandfunk 17.11.2014